Aktuelles ap Standpunkt EFRE: Warum regionale Transformation mit place-based-Ansätzen funktioniert

Strukturwandel lässt sich nicht zentral verordnen – sondern nur regional gestalten.

Genau hier liegt die Stärke des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE). Er ist ein strategisches Instrument der europäischen Kohäsionspolitik, das regionale Gegebenheiten berücksichtigt.

Seit über zwei Jahrzehnten begleitet EFRE die Transformation Nordrhein-Westfalens – von der Revitalisierung industrieller Brachflächen über den Aufbau regionaler Innovationssysteme bis zur Dekarbonisierung. Die zahlreichen Projekte haben gezeigt, dass Transformation dort am nachhaltigsten gelingt, wo sie an vorhandene Kompetenzen, Netzwerke und räumliche Strukturen anknüpft.

Die aktuelle Diskussion auf EU- und Bundesebene über die Zukunft der Kohäsionspolitik stellt deshalb eine Frage mit weit reichenden Konsequenzen für alle Regionen, Kommunen und Wirtschaftsstandorte: Bleibt EFRE ein place-based Instrument – oder wird er stärker zentralisiert?

Unsere Antwort ist eindeutig: Der place-based Ansatz ist nicht Selbstzweck, er ist die Voraussetzung dafür, dass europäische Fördermittel bestmöglich wirken.

Was place-based bedeutet – und woher das Prinzip kommt

Das Konzept der place-based policy – eines territorial bzw. raumbezogen verstandenen Entwicklungsansatzes – wurde im Barca‑Report[1] erstmals für die EU‑Kohäsionspolitik definiert und als zentrales Leitprinzip empfohlen:

„Place‑based policies are policies that [...] focus on the specific development challenges and potentials of places – be they cities, regions or neighbourhoods – taking into account their specificities, assets and bottlenecks.“[2]

Der Ansatz knüpft an frühere regionalökonomische Debatten zu räumlich differenzierten Politiken an, verankert sie aber erstmals verbindlich im EU‑Kontext. Kern der Idee ist, dass Fördermittel ihre größte Wirkung entfalten, wenn sie an die spezifischen Potenziale, Herausforderungen und Entwicklungspfade eines Raumes angepasst werden.

Warum place-based-Strategien für die Wirksamkeit des EFRE ausschlaggebend sind

1. Regionale Ausgangssituationen sind fundamental verschieden

Innovationsökosysteme, Klimarisiken, Kreislaufwirtschaft, nachhaltige Stadtentwicklung oder der Strukturwandel in Kohleregionen sehen im Rheinischen Revier, im Ruhrgebiet oder im ländlichen Sauerland jeweils anders aus. Place-based-Strategien ermöglichen es, Maßnahmen passgenau auf diese unterschiedlichen Ausgangslagen zuzuschneiden. Auch die OECD kommt in ihrer aktuellen Analyse „Strengthening regional policy for resilient places“[3] zu dem Ergebnis, dass Digitalisierung, Dekarbonisierung und demografischer Wandel regional sehr unterschiedlich wirken und daher maßgeschneiderte, regionale Strategien eine zentrale Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz darstellen.

2. Integrierte Strategien wirken

Die Evaluierung zu territorialen Förderansätzen im EFRE NRW[4] bestätigt eindeutig, dass Projekte, die in regionale Entwicklungs-, Innovations- oder Stadtstrategien eingebettet sind, eine höhere strategische Kohärenz, stärkere Kooperationsstrukturen und eine bessere Passfähigkeit zu regionalen Problemlagen aufweisen. Raumbezogene Förderinstrumente erfordern von Regionen, klare Prioritäten und Wirkungslogiken zu formulieren. Das erhöht die Qualität der Projektauswahl und steigert die Wirkung vor Ort – wirtschaftlich, strukturell und für die Menschen in der Region.

Eine aktuelle Metastudie der Europäischen Kommission[5] belegt, dass territorial differenzierte Förderpolitik messbar höhere Wachstums-, Beschäftigungs- und Resilienzeffekte erzielt, insbesondere in Regionen mit hohem Transformationsdruck. Entscheidend sind dabei Governance-Qualität und institutionelle Kapazität vor Ort.

3. Transformation ist immer räumlich

Dekarbonisierung, Digitalisierung oder Kreislaufwirtschaft finden an konkreten Orten statt, zum Beispiel in Unternehmen, Forschungsinstituten, Reallaboren und Gewerbegebieten mit spezifischer Infrastruktur. Transformation lässt sich aber nicht top‑down programmieren. Sie braucht Akteure, die industrielle Wertschöpfungsketten kennen, Technologietransferbedarfe einschätzen und belastbare Netzwerke vor Ort nutzen können.

Da regionale Wirtschaftsstrukturen häufig historisch gewachsen sind, gelingt deren Transformation nur, wenn man die gewachsenen Pfade als Stärke und Sprungbrett nutzt. Genau hier entfalten place‑based Ansätze ihre Wirkung: Sie bündeln lokales Wissen, Akteurskompetenz und institutionelle Lernprozesse und stärken damit die strategische Handlungsfähigkeit von Regionen. Wer Innovationsstrategien entwickelt, Partnerschaften aufbaut und Projekte strategisch auswählt, entwickelt Governance‑Kompetenz und belastbare Netzwerke und schafft einen strukturellen Mehrwert, der weit über einzelne Förderperioden hinauswirkt.

Komplexe und forschungsintensive Themen wie Wasserstoff, KI oder die Entwicklung von Batteriezellen oder Mikrochips erfordern europäische Koordination, ihre Umsetzung erfolgt jedoch in regionalen Innovationsfeldern und Unternehmensverbünden. Ohne diese regionale Einbettung bleiben Technologiestrategien abstrakt.

4. Lokales Wissen ist kein „Soft Factor“, sondern ein Produktivitätsfaktor

Regionale Entwicklung basiert auf Wissen, das sich nicht zentralisieren lässt. Es ist der produktive Kern wirksamer Strukturpolitik. Empirische Analysen – etwa Südekum & Posch[6] sowie das Jahresgutachten des Sachverständigenrats 2025/26[7] – zeigen, dass Dekarbonisierung, Digitalisierung und technologische Disruptionen Regionen sehr unterschiedlich treffen. Die CO₂‑Intensität der regionalen Wirtschaft, die industrielle Spezialisierung und die wirtschaftliche Ausgangslage bestimmen, wie hoch Transformationskosten ausfallen. Ohne ortsspezifische Strategien steigen regionale Disparitäten und Anpassungslasten deutlich an.

Der neunte Kohäsionsbericht der Europäischen Kommission[8] bestätigt diese Muster. Transformation, Digitalisierung und die grüne Wende verlaufen regional sehr ungleich und wirken sich je nach Standort unterschiedlich auf Produktivität, Beschäftigung und Innovationskraft aus. Zugleich zeigt der Bericht, dass die Kohäsionspolitik ein zentraler Resilienzfaktor ist, weil sie Investitionen stabilisiert und Anpassungsfähigkeit gerade dort stärkt, wo der Transformationsdruck am größten ist.

Genau deshalb erfordert Transformation differenzierte, ortsspezifische Antworten. Lokale Akteure bringen ihr Wissen in die Entwicklung von Lösungsstrategien ein, sodass passgenaue Projekte abgeleitet werden können.

STEP: Wie place-based und strategische Prioritäten zusammenwirken

Die sogenannte STEP‑Verordnung (Strategische Technologien für Europa) trat im März 2024 in Kraft. Sie zielt darauf ab, Investitionen in kritische Technologien europaweit zu priorisieren und zu bündeln. Die Finanzierung erfolgt nicht über ein eigenes Förderinstrument, sondern über bestehende Programme und Fonds der Europäischen Union, unter anderem über den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE). Ziel ist die Förderung kritischer Technologien in den drei Technologiesektoren digitale Technologien, umweltschonende und ressourceneffiziente Technologien sowie Biotechnologien.

Die STEP‑Verordnung verdeutlicht, dass sich europäische Schwerpunktsetzung und place‑based Umsetzung komplementär statt alternativ verhalten: EU‑weit definierte Technologiefelder entfalten ihre investive Wirkung erst dann, wenn sie durch regionale Strategien, Akteure und Träger konkretisiert und umgesetzt werden. Unser Standpunkt: Transformation entsteht in Regionen.

Dr. Claudia Schulte, Senior Expert

Ohne starke Regionen bleibt industrielle Transformation ein abstraktes Ziel. Dekarbonisierung, technologische Souveränität und wirtschaftliche Resilienz lassen sich nur dort wirksam umsetzen, wo regionale Akteure strategisch zusammenarbeiten und Verantwortung übernehmen können. Der EFRE muss daher auch künftig als Ermöglichungsinstrument für regionale Strategien wirken, lokale Governance‑Strukturen stärken und integrierte Transformationsprojekte fördern, statt sich auf kleinteilige Einzelmaßnahmen zu beschränken.

Zahlreiche von agiplan public begleitete Projekte entlang der gesamten regionalen Transformationskette machen deutlich, dass dieser Ansatz fruchtbar ist. Von der Erarbeitung und Fortschreibung regionaler Entwicklungsstrategien (u. a. regionale Entwicklungsstrategien für Südwestfalen, den Niederrhein oder die Region Aachen) über die Qualifizierung integrierter Industrie‑, Energie‑ und Flächenvorhaben (etwa klimaneutrale Gewerbe‑ und Industriegebietsentwicklungen, Energie‑ und Wasserstoffparks oder technologieorientierte Innovationsstandorte) bis hin zur Umsetzung komplexer interkommunaler Strukturwandel‑, Wasserstoff‑ und Net‑Zero‑Vorhaben. Diese Projekte machen sichtbar, dass industrielle Transformation dort Wirkung entfaltet, wo strategische Zielbilder, belastbare Governance‑Modelle, förderfähige Projektarchitekturen und regionale Wertschöpfungsperspektiven systematisch zusammengeführt werden.

Wir unterstützen Ihr Projekt von der Antragsstellung bis zur Qualifizierung und Steuerung und haben erfahrene Expert:innen für das strategische Stakeholder-Management und die professionelle Kommunikation in unserem Team.  Sprechen Sie uns an!

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Quellen

[1] Barca, F. (2009): An Agenda for a Reformed Cohesion Policy – A Place-Based Approach to Meeting European Union Challenges and Expectations.

[2]Barca, F. (2009).

[3] OECD (2024): Strengthening Regional Policy for Resilient Places.

[4] Prognos AG (2023): Evaluierung territorialer Förderansätze im EFRE NRW 2014–2020.

[5] Europäische Kommission (2025): The Economics of Place-Based Policies in the EU – A Review of the Literature and Economic Impact.

[6] Südekum, J. und Posch, D. (2024): Regionale Disparitäten in der Transformation: Braucht es ein Update der deutschen Regionalpolitik? Wirtschaftsdienst 104(7), 457–461.

[7] Sachverständigenrat Wirtschaft (2025/26): Jahresgutachten 2025/26 – Perspektiven für morgen schaffen – Chancen nicht verspielen. (Kapitel zu regional unterschiedlichen Strukturwandelwirkungen, Ziffern 693 ff.)

[8] Europäische Kommission (2024): 9th Cohesion Report – Economic, Social and Territorial Cohesion.

Weitere Quellen

Europäische Kommission (2023/2024): Vorschlag zum Mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) 2028–2034.
Medeiros, E. et al. (2024): EU Cohesion Policy towards territorial cohesion? In: Regional Studies.

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